Rasmus Nordholt-Frieling bewegt sich als Wissenschaftler, Komponist und Theatermacher zwischen Theorie und Praxis. In seiner Dissertation „Musikalische Relationen“ prägt er einen philosophischen Begriff der „Musikalität“, der neue Perspektiven auf die bildenden Künste, die Wissensgeschichte und das Theater eröffnet. Die Arbeit wurde von Prof. Ulrike Haß und Prof. Heiner Goebbels betreut und 2021 im Wilhelm Fink Verlag veröffentlicht. 

Als Praktiker macht Rasmus Nordholt-Frieling elektronische Musik und entwickelt Klangkonzepte für szenische und performative Arbeiten. Er interessiert sich für die Überlagerung und Konfrontation heterogener Perspektiven, musikalischer Praktiken und Erzählformen. Zu seinen Kooperationspartnern gehören u.a. Rimini Protokoll, kainkollektiv, Doris Dean und das Center for Literature/Burg Hülshoff.

Heft 10

Ausgabe 10 - Oper_Musik_Theater

August 2021

ISSN 2191-253X

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Synthesizer, Resonanz, Modulation: Auf dem Weg zur musikalischen Schicht des Theaters

von Rasmus Nordholt-Frieling

Zusammenfassung.

Der Beitrag geht der Frage der Musikalität theatraler Gefüge nach. Musikalität soll als eine spezifische, sich historisch verändernde relationale Bezogenheit begriffen werden, die der Denk- und Beschreibbar-Machung auch nicht vornehmlich klanglicher Praktiken dienen kann. 

Das Klangliche präsentiert keine manifesten Objekte, sondern räumliche Prozesse, in denen sich verschiedene Klangausstrahlungen modulieren, gegenseitig einfalten oder ausdehnen. Mit diesem eigenartigen Material und seiner Konstellierung haben sich Musizierende über die Jahrtausende auseinandergesetzt und so ein technisches und begriffliches Wissen entwickelt. Immer wieder wird dieses angezapft, auch um nicht-klangliche Fragen zu behandeln: Bei den Pythagoreern, bei Gottfried Wilhelm Leibniz, Paul Klee, Gilbert Simondon oder Gilles Deleuze und Félix Guattari. 

Entlang dieser und anderer Schauplätze soll das Musikalische als Gefüge der Teilhabe und wechselseitigen Variation von heterogenen Agenturen, Ausdrucksformen und Bedeutungsschichten beschrieben werden. Vielfach begegnen uns theatrale Formen, in denen das Zusammenspiel körperlicher, technischer, sprachlicher, medialer und anderer Dimensionen an keiner finalen Perspektive ausgerichtet ist, sondern sich in der modulierenden Überlagerung figuriert (z.B. Arnold Schönberg, John Cage oder Heiner Goebbels). Diese können als Formen theatraler Musikalität beschrieben werden, die von der Präsenz oder Dominanz der Musik im engen Sinne zunächst unabhängig sind. 

Abstract

The article explores the question of the musicality of theatrical structures. Musicality is to be understood as a specific, historically changing relationality that can serve to to think and describe practices that are not primarily sonic. 

The sonic presents no manifest objects, but spatial processes in which various sound emanations modulate, mutually ‘fold in’ or expand. Musicians have dealt with this peculiar material and its constellation over the centuries, developing a technical and conceptual knowledge. Tapped time and time again, this knowledge was repeatedly used to deal with non-sonic questions also: In the Pythagoreans, in Gottfried Wilhelm Leibniz, Paul Klee, Gilbert Simondon, or Gilles Deleuze and Félix Guattari. 

Along these and other settings, the musical will be described as a structure of participation and mutual variation of heterogeneous agencies, forms of expression, and layers of meaning. In many cases we encounter theatrical forms in which the interplay of physical, technical, linguistic, medial and other dimensions is not oriented towards any final perspective, but rather figures itself in modulating superimposition (e.g. Arnold Schönberg, John Cage or Heiner Goebbels). These can be described as forms of theatrical musicality that are initially independent of the presence or dominance of music in the narrow sense.