Stefan Drees ist Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen gehören die Monografien Architektur und Fragment: Studien zu späten Kompositionen Luigi Nonos (Saarbrücken 1998), Vom Sprechen der Instrumente. Zur Geschichte des instrumentalen Rezitativs (Frankfurt a. M 2007), Körper Medien Musik: Körperdiskurse in der Musik nach 1950 (Hofheim 2011) und „kunst ist das gegenteil von verarmung“: Aspekte zum Schaffen von Hans-Joachim Hespos (Hofheim 2018), Sammelbände zu Komponist:innen wie Olga Neuwirth, Unsuk Chin und Johannes Kalitzke sowie Aufsätze zu Themen aus den Bereichen Filmmusik und zeitgenössisches Musiktheater.

Heft 10

Ausgabe 10 - Oper_Musik_Theater

August 2021

ISSN 2191-253X

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Inventur. Annäherung an zeitgenössische Musiktheaterkonzeptionen für Opernbühne und Konzertsaal

von Stefan Drees

Zusammenfassung.

Seit geraumer Zeit lässt sich in der Neue-Musik-Szene ein verstärktes Interesse an den Bedingungen und Möglichkeiten musiktheatraler Ausdrucksformen erkennen, dem auf musik- und theaterwissenschaftlicher Seite eine intensivierte theoretische Auseinandersetzung entspricht. Deren Manko liegt allerdings darin, dass ihr, ausgehend von experimentellen Musiktheaterformen des 20. Jahrhunderts, meist die Begrifflichkeit des ‚Musiktheaters‘ zugrunde gelegt wird, um eine Abgrenzung zum Begriff ‚Oper‘ zu schaffen, während eng an traditionelle Institutionen gebundene Arbeiten weitaus seltener gewürdigt werden. Genau mit diesem Repertoire befasst sich dieser Beitrag, der auf einem Vortrag basiert, der im November 2019 anlässlich eines Symposiums an der Deutschen Oper Berlin gehalten wurde: Anhand ausgewählter Projekte aus den zurückliegenden Jahren von Detlev Glanert, Moritz Eggert, Sarah Nemtsov, Evan Gardner und Olga Neuwirth werden unterschiedliche Strategien musiktheatralen Kompnierens beleuchtet, die für die Veranstaltungsdispositive der Institutionen Oper und Konzertsaal geschaffen wurden. Die durch solche Fokussierung entstehende Kategorisierung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist als Denkhilfe gedacht, um bestimmte Phänomene und Entscheidungen, den Kompositionsprozess, die jeweiligen ästhetischen Lösungen und die Situation der Aufführung betreffend, besser einschätzen und bewerten zu können. Sie lässt Schlüsse auf die ästhetische Innovationsbereitschaft von Komponist*innen im Angesicht institutionalisierter Spielorte zu, sagt aber zugleich auch etwas aus über die Erwartungen, die an das Publikum gerichtet werden. Insofern bietet sie eine Diskussionsgrundlage, vor deren Hintergrund sich bestimmte Entwicklungen der aktuellen Musiktheaterproduktion besser einschätzen lassen.


Abstract
An increased interest in the conditions and possibilities of music-theatrical forms of expression has been discernible in the new music scene for some time now, which corresponds to an intensified theoretical discussion on the part of musicologists and theater scholars. However, the shortcoming of this is that, starting from experimental music theater forms of the 20th century, it is usually based on the concept of ‘music theater’ to create a demarcation from the concept of ‘opera’, while works closely tied to traditional institutions are much less often appreciated. It is precisely this repertoire that is the subject of this article, which is based on a lecture given at a symposium held at the Deutsche Oper Berlin in November 2019. Based on selected projects from the past years by Detlev Glanert, Moritz Eggert, Sarah Nemtsov, Evan Gardner, and Olga Neuwirth, it illuminates different strategies of music-theatrical composing created for the institutions of opera houses and concert hall. The categorization created by such a focus does not claim to be exhaustive, but rather is intended as a guideline in order to better assess and evaluate certain phenomena and decisions concerning the compositional process, the respective aesthetic solutions, and the situation of the performance. It allows conclusions to be drawn about composers’ willingness to innovate aesthetically in the face of institutionalized venues, but at the same time it also says something about the expectations that are directed at the audience. In this respect, it offers a basis for discussion against which certain developments in current music theater production can be better assessed.