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Heft 9

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Januar 2020

ISSN 2191-253X

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Begegnungen mit dem „Fremden“ - Wahrnehmungsdiskurse im zeitgenössischen Musiktheater

von Christiane Plank-Baldauf

Zusammenfassung.

Haben zeitgenössische Komponisten wie Mauricio Kagel, Luigi Nono oder Manos Tsangaris traditionelle Hörerwartungen aufgebrochen, räumliche Setzungen (wie die Teilung in Bühne- und Zuschauerraum) hinterfragt oder mit der theatralen Wirkung von Klängen experimentiert, so spiegeln sich seit etwa dreißig Jahren derartige Auseinandersetzungen mit musiktheatralen Erzählweisen auch im zeitgenössischen Musiktheater für junges Publikum wider. Nachdem das Kinder- und Jugendmusiktheater entweder als eigene Sparte (unter anderem Kinderoper Köln, Junge Oper Stuttgart), als integrierte Sparte (Komische Oper Berlin, Mainz, Freiburg) oder auch in freieren Produktionszusammenhängen angekommen ist, hat sich ein kontinuierlicher Diskurs über die Ziele, Ästhetiken, Strukturen und Produktionsweisen entwickelt, der sowohl die Theatermacher, als auch Komponisten, Librettisten und Musiker immer wieder zur kritischen Reflexion herausfordert. Musiktheater für junges Publikum erweist sich dabei nicht allein als ein Experimentierfeld für musikdramatische Erzählformen, die zum einen dem „Instrumentalen Theater“ nahestehen, zum anderen eine Auseinandersetzung mit anderen musikalischen Stilrichtungen (Jazz oder Popmusik) und mit der Geräuschhaftigkeit von Musik beziehunsgweise Ansätze performativen (Musik-)Theaters erkennen lassen. Der Beitrag stellt an ausgewählten Beispielen die Erzählstrategien im zeitgenössischen Musiktheater für junges Publikum vor und vertieft dabei vor allem die Frage, wie durch das intermediale Zusammenspiel von Sprache, Gesang, Klang, Raum und Licht die performative Sinneserfahrung junger Zuschauer in den Mittelpunkt gerückt wird, um auf diese Weise die Begegnung mit einer Kunstform zu ebnen, die in ihrer thematischen, gattungsspezifischen, ästhetischen und ritualisierten Form jungen, theaterunerfahrenen Zuschauern nicht so leicht zugänglich ist.

Abstract

Encounters with the foreign - sensual experience in contemporary music theatre

Contemporary composers such as Mauricio Kagel, Luigi Nono or Manos Tsangaris have broken with traditional listening expectations, questioned spatial settings (such as the division into stage and auditorium) or experimented with the theatrical effect of sounds. For the past thirty years, such confrontations with music-theatrical narratives have also been reflected in contemporary music theatre for young audiences. After children‘s and young people‘s music theatre has arrived either as a separate category (for example Kinderoper Köln, Junge Oper Stuttgart), as an integrated category (Komische Oper Berlin, Mainz, Freiburg) or also in freer production contexts, a continuous discourse has developed about the aims, aesthetics, structures and production methods, which repeatedly challenges both theatremakers and composers, librettists and musicians to critical reflection. Music theatre for young audiences proves to be more than just an experimental field for music-dramatic narrative forms, which on the one hand are close to ‚instrumental theatre‘, on the other hand reveal a confrontation with other musical styles (jazz or pop music) and with the noisiness of music or approaches to performative (music) theatre. Using selected examples, this article presents the narrative strategies in contemporary music theatre for young audiences and deepens the question of how the intermedial interplay of language, song, sound, space, and light focuses on the performative sensory experience of young audiences in order to smooth the way for young audiences to encounter an art form that, in its thematic, genre-specific, aesthetic, and ritualized form, is not easily accessible to young audiences without theatre experience.