Heft 9

Musiktheater in der Krise? Positionen zwischen Institution und Ästhetik

Mai 2020

ISSN 2191-253X

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Editorial

von Ulrike Hartung & Anno Mungen

Die bemerkenswerte und im internationalen Vergleich immer wieder bewunderte künstlerische Vielfalt der deutschsprachigen Theater- und Orchesterlandschaft bewegt sich zunehmend in einem Spannungsfeld zwischen dieser Bewunderung einerseits und einer tiefen Verunsicherung andererseits. Diese Landschaft ist umgeben von einem Krisendiskurs, der im Kontext von Musiktheater in seiner institutionalisierten Form als teuerster und aufwendigster Spielart darstellender Kunst besonders intensiv geführt wird. Der Musiktheaterapparat ist in seinen Produktionsmodi zwar hochspezialisiert, aber in seinen Möglichkeiten künstlerischer Ausdrucksformen klar beschränkt. In Zeiten (vermeintlich) knapper Kassen, aber auch von postmodernem Nebeneinander, Formenvielfalt und transmedialer Flexibilität gerät dieser Apparat immer wieder ins Fadenkreuz intensiver Kritik. Dieser so entstehende Krisendiskurs steht im Zentrum dieser Ausgabe von ACT, die im Rahmen des am Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth angesiedelten Forschungsprojekts „Beharrungs- und Bewegungskräfte: Musiktheater im institutionellen Wandel zwischen Musealisierung und neuen Formaten“ entstand, das der DFGForschungsgruppe Krisengefüge der Künste: Institutionelle Transformationsdynamiken in den darstellenden Künsten der Gegenwart angehört. Ausgehend von diesem Forschungsprojekt stellt sich hier weniger die Frage, wie akut diese im Diskurs beschworenen Krisenzustände tatsächlich sind. Vielmehr stehen Veränderungs- und Transformationsprozesse ästhetischer, organisationeller und letztlich institutioneller Art im Fokus, die durch diesen Diskurs überhaupt erst ausgelöst und angetrieben werden. In einem produktiven Verständnis von Krise als Innovationskatalysator und Antrieb von Wandlungsprozessen ist in diesem Zusammenhang von zentralem Interesse, mit welchen Veränderungen Musiktheater konfrontiert ist und/oder welche es selbst in dieser Konfrontation hervorbringt.

Diese bislang umfangreichste Ausgabe von ACT widmet sich aus vielen verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen theoretischen und wissenschaftlichen Hintergründen der Erforschung einzelner Aspekte dieses Diskurses. Sie versammelt somit eine Vielzahl an Arten und Weisen, über diese Zusammenhänge zu sprechen, die sich nicht nur in den heterogenen Formen der Texte äußert, sondern auch in deren jeweiligem spezifischen Vokabular. Ein Zusammenbringen dieser Stimmen erscheint nicht nur sinnvoll, sondern geradezu erforderlich, um sich diesem weiten und überaus komplexen Forschungsfeld angemessen zu nähern.

Der wissenschaftliche Diskurs, der Musiktheater zum Gegenstand hat, bewegt sich nach wie vor oftmals fernab seiner ästhetischen Praxis. Deswegen war uns nicht nur eine grundsätzliche Nähe zum theaterpraktischen Alltag unseres Gegenstandes wichtig, sondern darüber hinaus auch dezidiert Akteur*innen außerhalb dieses wissenschaftlichen Diskurses zu Wort kommen zu lassen. Diese Ausgabe von ACT beginnt in diesem Sinne mit Stimmen aus der Praxis.

Als leitende Musiktheaterdramaturgin und stellvertretende Intendantin an der Oper Dortmund liefert Merle Fahrholz in unkonventioneller Form einen Einblick in die hochkomplexen theaterpraktischen Belange, die Opernproduktionen nicht nur erfordern, sondern auch entscheidenden Einfluss auf deren Ästhetik haben. Dass nicht jede getroffene Entscheidung eine ästhetisch begründete ist, ist eine Tatsache, die bei der wissenschaftlichen Betrachtung darstellender Künste oft in den Hintergrund gerät. Darüber hinaus zeigt dieser Beitrag auf, wo sich neuralgische Punkte im Kulturbetrieb befinden, an denen sich Transformationsdynamiken ganz praktisch zeigen lassen. Institutionskritischen Zusammenhängen geht ebenfalls Benjamin Hoesch am Beispiel der künstlerischen Praxis Heiner Goebbels' nach. Auch er verweist auf das Spannungsfeld zwischen den Bedingtheiten der Institution einerseits und die Abhängigkeit von Kunstproduktion von ihrer Institution andererseits, wobei das eine immer auch Folgen für das andere hat. Außerdem spürt er in seinem Beitrag dem vielfältigen Potenzial dieses Verhältnisses nach, dessen Erkundung er als wesentlichen Bestandteil von Heiner Goebbels' Arbeit, die sich keineswegs auf ausschließlich Kunstproduktion beschränkt, versteht und daran sinnfällig exemplifiziert.

Ebenso einflussreich auf die musiktheatrale Praxis sind die Räume, in denen diese stattfindet. Die versammelten Beiträge eröffnen auch hier ein breites Spektrum, das sich weit über die architektonische Struktur der Guckkastenbühne hinaus erstreckt. Tillmann Triest versucht die Oper in der Struktur moderner städtischer Gesellschaften zu verorten und fragt anhand konkreter Beispiele nach ihrer Rolle und ihrem Zukunftspotenzial in der „Creative City“. Musiktheatrale Spielformen die aus dem Opernhaus hinaus- und in die Stadt hineingehen, beschreibt Clara-Franziska Petry. Sie diskutiert anhand des urban-medialen Phänomens Flashmob, inwiefern die Veränderung der Rezeptionsbedingungen von Aufführungsformaten wie dem klassischen Konzert Potenzial für die Akquise neuer oder zahlenmäßig abnehmender Publikumsgruppen bergen kann.

Neben diesen Auseinandersetzungen mit musiktheaterpraktischen Zusammenhängen versammelt diese Ausgabe auch Beiträge, die Versuche weiterführender Theoriebildung in der Betrachtung von Musiktheater unternehmen. Die Musikwissenschaftler Fabian Czolbe und Ulrich A. Kreppein erkunden in ihrem gemeinsamen Beitrag Dimensionen und Relationen von Zeitlichkeit und Narration in Formen zeitgenössischen Musiktheaters. Sie entwerfen dabei eine alternative phänomenologische Analyse über einen narratologisch grundierten Wahrnehmungsbegriff einerseits und die Beobachtung von Zeitkonfigurationen andererseits. Auch Elsa Büsing versucht einen theoretischen Ansatz – das Konzept von Dialogizität von Michal Bachtin – für die Analyse zeitgenössischer Produktionsformen von Musiktheater jenseits des institutionalisierten Kulturbetriebs fruchtbar zu machen. Sie beschreibt Musiktheater über eine Theoretisierung seiner aufführungspraktischen Struktur als „dialogische Polyphonie“, welche die Wahrnehmung zeitgenössischer Produktionen wie dem angeführten Beispiel maßgeblich prägt. Um die sinnliche Wahrnehmung musiktheatraler Zusammenhänge geht es ebenfalls zentral im Beitrag Christiane Plank-Baldaufs. Sie beschreibt darin, in welche Richtungen sich die Ästhetik und narrativen Erzählformen im Musiktheater für Kinder und Jugendliche im Angesicht eines schrumpfenden Musiktheaterpublikums entwickeln.

Diese Beiträge behandeln Forschungsfragen und Fallstudien, die weit über die im Forschungsprojekt diskutierten hinausgehen. Durch zusätzliche Perspektiven und Anwendungsbeispiele möchte diese Ausgabe von ACT ergänzend zur aus dem Forschungsprojekt entstehenden Monografie ein noch facettenreicheres Bild sowohl des Krisendiskurses als auch seiner Zusammenhänge mit tatsächlichen Veränderungen in der ästhetischen wie institutionellen Praxis zeichnen. Die versammelten Texte zeigen noch einmal anders die Virulenz und die Omnipräsenz dieses Krisendiskurses insbesondere im Kontext von Musiktheater auf und verdeutlichen die Dringlichkeit ihrer Verhandlung, zu der diese Ausgabe ihren Beitrag leisten möchte.

Unser großer Dank gilt allen Autor*innen sowie den Kolleg*innen, die im Peer-ReviewVerfahren an dieser Ausgabe mitgewirkt und so maßgeblich ihr Entstehen unterstützt haben. Wir danken außerdem unserem Kollegen Dominik Frank und unserer ACT - Zeitschrift für Musik und Performance, Ausgabe 2020/9 5 Ulrike Hartung & Anno Mungen: Editorial wissenschaftlichen Hilfskraft Sophie Canal, die die Endredaktion dieser Ausgabe von ACT entscheidend mitgetragen haben.

Ulrike Hartung und Anno Mungen